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Ausstellung "Ohne Angst verschieden sein ..." - Startseite

Zur ethisch-moralischen Urteilsbildung beitragen

Das Thema „Behinderung“ ist kein Sonderthema, das nur eine gesellschaftliche Randgruppe betrifft und die anderen nichts angeht. Diese Auffassung verbreitet sich immer mehr. Dazu ein Beispiel: Ursprünglich war die vom ZDF initiierte „Aktion Sorgenkind“ 1964 als Reaktion auf den Contergan-Skandal zur Unterstützung dieser besonderen Gruppe behinderter Kinder gestartet. Der Verein änderte 2000 seinen Namen in „Aktion Mensch“, weil es nicht mehr nur um behinderte Kinder ging und die betroffenen Menschen nicht nur Anlass zur Sorge sind. Im Rollstuhlfahrer soll nicht nur der Zu-kurz-Gekommene erblickt werden. Es geht um Menschen in einer anderen Perspektive: nicht das Fehlen von Ängsten, Krankheit, Leid, Defiziten oder Beeinträchtigungen macht den Menschen aus, sondern zur Definition des Menschlich-Seins gehört das Unvollkommene, Gebrochene, Defizitäre dazu. Behinderte und Nicht-Behinderte gehören zusammen. In den Worten des Apostels Paulus: Weil alle Menschen Glieder des „Leibs Christi“ sind (1. Kor12, 26), deshalb sind die Schwierigkeiten eines behinderten Menschen nicht seine, sondern unsere Schwierigkeiten, sie gehen uns alle gemeinsam etwas an.

Oft wird Behinderung als eine Krankheit und als ein besonders schweres, leidvolles Schicksal gesehen. Sicher lassen sich besondere Schwierigkeiten, Begrenzungen und Belastungen nicht leugnen. Die Frage, warum dieses Schicksal den einen getroffen hat, den anderen nicht, lässt uns verstummen bei der Suche nach einer Antwort. Wenn Gläubige danach fragen, warum Gott eine schwere Behinderung zugelassen habe, geraten die meisten in fundamentale Zweifel. Wenn es einen gerechten Gott gibt, dann kann er Behinderungen doch nicht zulassen. Mancher Mensch hat über solche Zweifel und Selbstzweifel im Erleiden von Beeinträchtigung Gott und die Frage nach Gott verloren. Umso erstaunlicher sind Menschen wie Fredi Saal, ein schwer spastisch gelähmter Mann, der sagen kann: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde? – Ich jedenfalls fühle mich als Spastiker als eine Schöpfung Gottes – und zumindest die Christen sollten es auch tun!“ Oder der Theologe Ulrich Bach, der wegen gelähmter Beine im Rollstuhl sitzt, und häufig die Erfahrung macht: „Wenn ich versuche, mein behindertes Leben als mir von Gott so zugeteilt anzunehmen, wenn ich probiere, es haargenau richtig für mich zu ehren, weil ich davon überzeugt bin, dass ich damit etwas anfangen kann und etwas anfangen soll, dann wird mir von theologischen Kollegen zuweilen widersprochen: So etwas schafft Gott nicht!“ Es wird getrennt zwischen dem Menschen als einem von Gott gewollten Geschöpf und seiner Behinderung. Das Menschenbild ist geprägt vom Ideal gesund, stark, leistungsfähig, fit, „Hauptsache gesund“, und wer nicht in diese Norm passt, gehört nicht dazu, gehört zu den anderen. Diese ideologisch geprägte Haltung gilt es in Frage zu stellen. Man beginnt zu fragen, wenn man sich in herausfordernde, befremdliche, störende, interessante, aufreizende, verblüffende, komische Situationen begibt. Und bei der Suche nach Antworten, im Gespräch und in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Einstellungen und Haltungen entwickeln sich die eigene Position, das eigene Urteil und die Fähigkeit, zu begründeten Urteilen zu kommen.

Der Besuch der Ausstellung und die weiterführende unterrichtliche Bearbeitung können dazu beitragen, Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen, Maßstäbe für Humanität zu gewinnen, Widersprüche zwischen rechtlichen Ansprüchen und gesellschaftlicher Realität wahrzunehmen, den Wurzeln von Ausgrenzung und Diskriminierung nachzugehen und neugierige Offenheit zu gewinnen für Menschen, die anders sind als man selbst.




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